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Partizipation: Selbst- und Mitbestimmung - während Corona möglich?

Gastbeitrag von Alexandra Knoch

Die Rechte auf Selbstbestimmung und Partizipation der Kinder sind in unserem Konzept deutlich formuliert: “Selbstständigkeit und eigenverantwortliches Handeln und ein gestärktes Selbstbewusstsein sind notwendig, um die Kinder auf die Zukunft vorzubereiten…. Sie erhalten die Möglichkeit eine sowohl eigenständige, als auch gemeinschaftsfähige Persönlichkeit zu entwickeln” (Konzeption Kita am Wald, Seite 7; den Link zur Konzeption finden Sie am Ende des Blogbeitrags.) Dieses Recht ist nicht nur durch die UN-Kinderrechtskonventionen festgelegt,

sondern auch im Sozialgesetzbuch (SGB) VIII § 8 fest vorgeschrieben (siehe hierzu unseren Blog Partizipation: Kinder haben was zu sagen!). Mit Bezug hierauf hat Gabriele Dahle in einem weiteren Blog (Partizipation praktisch: Erfahrungsbericht aus der Kita am Wald)  dargestellt, wie wir Partizipation in unserem Alltag vor Corona umgesetzt haben. Doch wie gut lassen sich Partizipation und Selbstbestimmung in dieser besonderen Zeit umsetzen? Durch Corona gibt es viele Einschränkungen, die auch die Kinder im Alltag zu spüren bekommen. Ich habe mir die Situation in unserer Castrop-Rauxel einmal genauer angeschaut und auch einige Kinder dazu befragt.

Deutlich eingeschränkt!
Der Großteil der Kinder in unserer Einrichtung ist schon früh sehr selbstständig. Die Selbstständigkeit, die Fähigkeit sich selbst zu organisieren und ihre eigene Meinung selbstbewusst zu vertreten, wird von den Lehrern, die unsere Kinder ab der ersten Klasse an den Grundschulen betreuen, oft gelobt und als sehr positiv wahrgenommen. Das liegt daran, dass schon den Kleinsten Möglichkeiten eingeräumt werden, über sich selbst zu bestimmen (“Wer soll dich heute wickeln?”, “Neben welchem Kind möchtest du beim Essen sitzen?” etc.) und auf den Alltag in der Kita einzuwirken, sobald das sprachlich möglich ist. Je älter die Kinder werden, desto mehr dürfen sie entscheiden. Im Bereich der Selbstbestimmung entscheiden die Kinder, was sie anziehen möchten, wann sie auf die Toilette gehen und ob sie Hilfe dabei benötigen, was und mit wem sie spielen, wo sie sich in der Kita aufhalten möchten (welcher Raum, welche Gruppe, auf dem Außengelände…), was sie essen möchten etc. Die Kinder durften bisher auch mitbestimmen, auf Planungen und Kitaabläufe Einfluss nehmen und ihre Ideen mit einbringen (Was machen wir am Sommerfest? Worauf habt ihr heute Lust? Wie feierst du deinen Geburtstag? Wohin geht unser nächster Ausflug?). Seit dem Wiedereinstieg in den (eingeschränkten) Regelbetrieb (8. Juni) ist das kaum mehr möglich. Die Kinder mussten nun zur Toilette begleitet werden, das Frühstück wurde für sie zubereitet, das Mittagessen gaben die Erzieher*innen auf die Teller der Kinder. Es gab Absperrungen auf dem Außengelände, die die Gruppen voneinander trennten, andere Räumlichkeiten durften neben dem eigenen Gruppenraum nicht mehr betreten werden, um die Kinder nicht zu durchmischen. Feste fielen aus, auch Ausflüge durften nicht gemacht werden. Zum Geburtstag durften keine Lebensmittel mehr mitgebracht werden, sodass gemeinsame Geburtstagsfrühstücke oder ein Kuchenessen nach dem Mittagessen ausfielen. Die Tagesplanung wurde von den Erzieher*innen vorgegeben, wobei die Kinderanzahl in Räumen, Praktikabilität im Freien, Abstände und Hygieneregeln beachtet werden mussten.

Einiges geht doch!
Die Erzieher*innen bemühten sich nach Kräften, die fehlenden Möglichkeiten zu selbstverständlicher Selbstbestimmung und Partizipation (Mitbestimmung) zu kompensieren. So wurde zum Beispiel jedes Kind gefragt, was es von den angebotenen Speisen zum Mittagessen oder Frühstück essen wolle. An Geburtstagen gab es Eis am Stiel, das das Kind vorher aussuchen durfte und das unser Koch zum Geburtstag einkaufte. Die Kinder wurden mit Wiederaufnahme des Regelbetriebes anstatt in die Planung und Gestaltung von Festen und Ausflügen nun in die Gestaltung der täglichen Rituale einbezogen (Gestaltung des Sitzkreises, Aktionen am Nachmittag, viel Freiraum und Material für freie Spielgestaltung etc.) Die Rechte der Kinder auf Selbstbestimmung und Mitbestimmung sind nach wie vor deutlich eingeschränkt gegenüber der Zeit vor der Schließung im März 2020. Aber: Kinder dürfen sich mittlerweile ihr Mittagessen wieder selbst nehmen. Das Frühstück wird jedoch noch zubereitet, jedoch nicht ohne den Kindern das Angebot aufzuzeigen und nach ihren Wünschen zu fragen. Da die Erkältungs- und Grippewelle im Herbst bevorsteht, entscheiden die Erzieher*innen momentan, was die Kinder anziehen. Wir wollen möglichst Infekte bei den Kindern vermeiden, die ähnliche Symptome wie Corona aufweisen und daher eine Betreuung zuhause durch die Eltern zufolge hätte. Die Begleitung beim Toilettengang übernehmen die Erzieher*innen nur noch bei jüngeren Kindern oder auf Wunsch.

Wie sehen das die Kinder? 
Ich habe mich mit vier Kindern (Emily, Johanna, Tom und Max - die Namen der Kinder wurden geändert!) im Vorschulalter - ganz im Sinne der Partizipation - unterhalten und sie gefragt, was sie gern selbst gemacht oder mitentschieden hätten, welche Einbußen an Selbst- und Mitbestimmung für sie in Ordnung waren und welche sie gestört haben. Tom äußerte ganz klar direkt zu Anfang, es sei “fürchterlich” gewesen, dass immer einer von “den Erwachsenen mit zum Klo” gegangen sei. Auch Hände waschen könne er schon allein. Oft habe er sich gefühlt, “wie ein kleines Kind. Als ob ihr denkt, ich kann nichts mehr alleine”. Auch sein Freund Max lehnte die Begleitung ins Badezimmer ab. Vor allem habe ihn aber gestört, dass er “nichts mehr entscheiden durfte”. “Ich musste immer dort spielen, wo ihr es gesagt habt. Es gab nur noch ein ganz kleines Außengelände.“ - Auf dem Außengelände hatten wir Absperrungen angebracht, die  die Bewegungsfreiheit und vor allem die gruppenübergreifenden die Kontaktmöglichkeiten der Kinder eingeschränkt haben. - „Und Vincent, meinen Freund aus der Nachbargruppe durfte ich auch nicht mehr besuchen”, ergänzte Max. Auch das “Geputze” im Alltag störe ihn. Die Mädchen Emily und Johanna finden es schade, dass keine Ausflüge mehr stattfinden und “man nur noch in der Einrichtung sein muss”. “Wir könnten auch mal wieder schwimmen gehen oder in die Bücherei fahren” schlagen sie vor. Während wir solche Vorschläge früher gut in die Wochenplanung einbeziehen konnten, müssen wir ihnen heute erklären, dass das aufgrund Corona leider nicht umsetzbar ist. Die vier Kinder sind sich allerdings in einem einig: das Zubereiten des Frühstücks und das Abräumen nach dem Essen, was die Kinder bislang selbst erledigt haben, dürften gerne weiterhin die Erzieher übernehmen. - Und im Sinne der Partzipation: Die Kinder wurde gefragt, ob wir ihre Äußerungen in einem Blog veröffentlichen dürfen? Sie haben zugestimmt! 

Wenn Corona vorbei ist...
Die Kinder verstehen, dass durch das Auftreten des Coronavirus Einschränkungen von jedem abverlangt werden. Das ändert aber nichts an der Tatsache, dass sie gern wieder mehr entscheiden und mitbestimmen würden. Emily, Johanna, Tom und Max zeigen sich zuversichtlich: “Wenn Corona vorbei ist, machen wir einfach wieder was wir wollen”. Vermutlich wird es noch einige Zeit dauern, bis wir wieder zu einer gefühlten “Normalität” zurückkehren können. Bis dahin werden wir die Möglichkeiten für die Kinder anpassen und weiterentwickeln. Sie sollen nach wie vor ihr Recht auf Selbst- und Mitbestimmung  wahrnehmen dürfen, sodass es den Kindern auch zukünftig möglich ist, sich zu “eigenständigen und gemeinschaftsfähigen Persönlichkeiten zu entwickeln”.

Links und weitere Informationen:
Hier finden sie die Konzeption der Kita am Wald e.V. (aus Castrop-Rauxel) und am Ende des Blogs vom 25.08.2020 eine Übersicht über die bisherigen Blogbeiträge von Alexandra Knoch.

 


Themen: Neues aus der Kita-Szene, Berichte aus der Praxis