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So leben wir mit Corona! Eine Zwischenbilanz – Teil 2: Eingeschränkte Elternarbeit

Gastbeitrag von Alexandra Knoch

Montagmorgen, 8:20 Uhr: Zwischen diversen Mitteilungen, die zur Elterninformation an der Glastür kleben, sieht man zwei Kindergesichter, die erwartungsvoll in den Flur der Kita am Wald schauen. Sie freuen sich, als sie sehen, dass eine Erzieherin zur Tür eilt, um ihnen zu öffnen. Die Erzieherin trägt einen bunten Mundschutz. “Mathilda und Leon sind da!” ruft die Erzieherin und öffnet die Tür. Mathilda und Leon geben ihrer Mutter, die ebenfalls einen Mund-Nasen-Schutz trägt, noch einen schnellen Kuss, bevor sie in die Einrichtung kommen. Die Erzieherin misst mit einem Stirnthermometer die Körpertemperatur der Kinder und trägt sie in eine Liste ein. “Alles klar, geht rein, ihr beiden!” teilt die Erzieherin den beiden Kindern mit. Die Beiden laufen in den Flur, der zu ihrer Gruppe gehört. Dort werden sie von einer Gruppenerzieherin begrüßt, die sie beim Umziehen unterstützt.

Die Erzieherin, die ihnen geöffnet hat, nimmt die Taschen mit Wechselkleidung, einem Kuscheltier von Leon und den neuen Gummistiefeln der Kinder von der Mutter entgegen. “Leon ist heute nicht gut drauf, er ist seit fünf Uhr wach. Ich hole die beiden gegen zwei Uhr wieder ab - wir müssen zum Zahnarzt,” sagt sie noch und verabschiedet sich dann. Die Erzieherin bringt die Taschen der Kinder an die Fächer von Mathilda und Leon und gibt die Informationen an die Gruppenerzieher*innen weiter, bevor sie zurück in ihre eigene Gruppe geht.

So oder so ähnlich erleben viele von uns momentan das Ankommen der Kinder in der Kita. Die Begrüßung ist freundlich, aber kurz und zweckgebunden und (leider) von Stress geprägt. Nach den Kitaschließungen im März wurde im August 2020 der Regelbetrieb wieder aufgenommen. Das bedeutet aber nicht, dass alle Einschränkungen in den Kitas aufgehoben werden konnten. Die Pandemie ist nicht beendet, die Zahl der Coronainfizierten steigt aktuell deutlich und Familien und Mitarbeiter*innen müssen weiterhin vor einer Ansteckung geschützt werden. Die Einschränkungen bemerken Pädagog*innen, Kinder und Eltern aber nicht nur in der praktischen Arbeit (Blog 01.10.2020), sondern auch in der Arbeit zwischen Erzieher*innen und Eltern. Dadurch, dass die Eltern die Einrichtung nicht mehr betreten sollen und ihre Kinder an der Tür abgeben und wieder in Empfang nehmen, ist eine Elternarbeit, wie wir sie kannten aktuell nicht möglich. Tür- und Angelgespräche, deren Relevanz wir erst jetzt, als sie wegfallen bemerken, können nicht mehr stattfinden. Eltern haben keine Möglichkeit mehr, ihre Kinder beim Spiel oder im Miteinander mit Erzieher*innen oder anderen Kindern zu beobachten. Gruppenräumlichkeiten oder den Garten haben sie seit mehreren Monaten nicht mehr betreten und einige Erzieher*innen seit Wochen nicht mehr gesprochen. Die Eltern haben dadurch kaum Einblick in unsere pädagogische Arbeit und können daher auch nur wenig mitbestimmen, obwohl es in unserer Konzeption verankert ist. 

Elternbefragung
Genau wie in der praktischen Arbeit mit den Kindern haben wir in den letzetn Wochen dann versucht, die Bedürfnisse unserer Eltern zu erkennen und uns so anzupassen, dass unsere Arbeit für sie transparent ist und Mitbestimmung dennoch möglich ist. Um ein noch deutlicheres Bild von der Stimmung in der Elternschaft hinsichtlich der Beschränkungen machen zu können, habe ich den Eltern vier Fragen gestellt: 
1. Was merkt ihr an den Einschränkungen durch Corona in unserer Kita?
2. Womit fällt euch der Umgang besonders schwer?
3. Was bekommt ihr von der Arbeit der Erzieher*innen mit euren Kindern mit?
4. Gibt es etwas, das sich trotz der Beschränkungen zum Positiven verändert hat und ruhig so bleiben könnte?
In diesem Beitrag schauen wir uns an, was die Befragung der Eltern ergeben hat und wie zufrieden und gut aufgehoben sich die Familien mit den Beschränkungen fühlen. Können wir mit den Einschränkungen durch Corona überhaupt wertschätzende, respektvolle Elternarbeit leisten?

Was den Eltern fehlt!
Zunächst einmal möchte ich erwähnen, dass alle befragten Eltern die derzeitigen Einschränkungen in unserer Kita sinnvoll und nachvollziehbar finden, weil sie uns und dem Schutz ihrer Familien dienen. Dennoch bemerken die Eltern durchaus kritisch, dass 
- sie die Einrichtung nur in Ausnahmefällen betreten dürfen,
- in Interaktionen ein Mund-Nasen-Schutz getragen werden muss,
- Elternabende nur in Kleingruppen stattfinden,
- nur selten kurze Gespräche mit Erzieher*innen stattfinden können,
- keine Ausflüge, Feste oder Exkursionen stattfinden und
- keine Spielzeuge mehr von den Kindern mitgebracht werden dürfen.

Der direkte Austausch
mit den Erzieher*innen am Morgen oder Nachmittag fehlt den Eltern am meisten. Besonders den Eltern, die ihr Kind gerade bei uns eingewöhnt haben, fehlt Rückmeldung von Seiten des pädagogischen Personals über den aktuellen Tag des Kindes, aber auch über den grundsätzlichen Alltag ihres Kindes in unserer Kita. Sie kennen uns Erzieher*innen erst seit ein paar Wochen, haben uns noch gar nicht richtig in alltäglicher Interaktion mit ihrem Kind gesehen und konnten noch nie beobachten, wie ihr Kind sich mittlerweile in der Einrichtung bewegt und sich im Umgang mit anderen Kindern und Erwachsenen verhält. Diese Eltern - eine Mutter merkte das an - kennen bislang noch nicht einmal unsere Mimik! Aber auch Eltern, deren Kind schon länger bei uns ist, fehlt der tägliche Austausch sehr. Auch mir als Erzieherin geht es so. Mir ist es wichtig, den Eltern kurz zurückzumelden, ob ihr Kind einen tollen Tag hatte, etwas erlebt oder vielleicht Sorgen hatte usw.

Eigentumsfächer
Die Eltern würden ihr Kind gerne, wie es früher üblich war, in die Einrichtung begleiten. Sie würden das Kind gern ihrer*m Erzieher*in übergeben und sehen, dass es liebevoll begrüßt und in die Gruppe integriert wird. Das Kontrollieren der Eigentumsfächer übernehmen nun wir Erzieher. Dadurch haben die Eltern keinen Überblick mehr, ob das Kind alles hat, was es benötigt. Vielen Eltern, die ich befragt habe, war dieser Aspekt sehr wichtig. Uns Erzieher*innen schien das  zunächst eher eine `Kleinigkeit. Wir haben aber Verständnis für den Wunsch der Eltern zu schauen, ob das Kind alles hat, was es benötigt. Es zeigt den Bedürfnis der Mutter oder des Vaters, ihr Kind so gut zu versorgen, dass es auch in der Fremdbetreuung die Möglichkeit hat, sich so wohl und wertgeschätzt zu fühlen, wie das Kind es von Zuhause kennt - wie “Brutpflege für unterwegs”.

Elternabende
Dadurch dass Elternabende nur noch in der jeweiligen Altersgruppe des Kindes stattfinden können, haben die Eltern kaum Gelegenheit sich untereinander besser kennenzulernen: ganz besonders `neue´ Eltern-und `alte´ Eltern. Das macht es den neuen Familien schwerer, sich in die bestehende Elterngruppe zu integrieren - was schade für alle ist. In der Regel findet im Oktober oder November ein `gemütlicher Elternabend´ statt. Dort wird nicht zwangsläufig über pädagogische oder organisatorische Themen gesprochen. In gemütlichem und ungezwungenem Rahmen soll dort ein erstes Kennenlernen stattfinden. Leider kann dieser besondere Elternabend wegen der Corona Schutzmaßnahmen in diesem Jahr nicht abgehalten werden.

Gibt es auch Vorteile?
Die von mir befragten Eltern sehen in den Einschränkungen durchaus auch Vorteile. Durch das Abgeben und Entgegennehmen der Kinder an der Tür sehen die Eltern die Selbstständigkeit ihres Kindes gefördert. Die Kinder ziehen sich alleine aus oder an und organisieren sich und ihr Eigentum, bevor sie in die Gruppe gehen oder abgeholt werden. Der Abschied verläuft `kurz und schmerzlos´, was den Eltern mehr planbare Zeit für den Weg zur Arbeit gibt. Die Elternabende können von den Erzieher*innen so vorbereitet werden, dass sie auf die jeweilige Altersgruppe zugeschnitten sind. So sind sie effektiver und für die jeweilige Elterngruppe interessanter. Die neuen Eltern wünschen sich andere Informationen (beispielsweise wie das Schlafen, Essen, Schwimmen etc. betreut werden) als die Eltern der Vorschulkinder. Diese Eltern interessieren sich eher für den Übergang von der Kita zur Grundschule, die Angebote der Logopädie in unserer Einrichtung etc.

Mehr Transparenz durch Tagesberichte
Wir haben uns schon vor einigen Wochen gedacht, dass den Eltern die Transparenz über unsere Arbeit fehlen wird. Deshalb haben wir uns überlegt an einer Tafel vor der Tür Tagesberichte auszuhängen (siehe das Foto im Blog vom 1.10.2020). Dort können die Eltern täglich recht detailliert nachlesen, wie wir als Gruppe den Tag verbracht haben. Die Kinder unterstützen die Erzieher*innen beim Erstellen des Tagesberichtes, sodass der Bericht eine Verbindung zwischen Eltern - Kind - Erzieher*innen herstellt, der Gesprächsanlässe bietet und jedem die Möglichkeit gibt, in seiner Position wertschätzend wahrgenommen zu werden. Die Eltern wissen diese Berichte sehr zu schätzen und wünschen sich eine Fortsetzung der Berichte auch nach einer Aufhebung der Einschränkungen. Die Berichte geben den Eltern das Gefühl, dass wir uns Gedanken um ihre Kinder machen, dass wir sie wahrnehmen und willkommen heißen und im Rahmen unserer derzeitigen Möglichkeiten fördern. “Ich weiß, dass mein Sohn gut aufgehoben ist und dass es  trotz Corona nicht lediglich ein Aufbewahren ist, sondern weiter ganz viel mit den Kindern gemacht wird”, schreibt eine Mutter.

Eine neue Form des Miteinanders
`Aus der Not´ - den Beschränkungen - heraus hat sich eine neue Form der Kooperation und Erziehungspartnerschaft mit den Eltern entwickelt, ohne dass es unsere oder die Intention der Eltern war. Beim letzten Elternabend fragten zwei Mütter, nachdem sie uns ein sehr positives Feedback zu unserer Arbeit gegeben haben: “Können wir auch irgendetwas für euch tun? Können wir euch irgendwie in eurer Arbeit unterstützen?” Es war ein sehr schönes Gefühl für meine Kollegin und mich, diese Frage gestellt zu bekommen, denn es zeigte uns, dass wir mit unserem Engagement und unseren Bemühungen, aber auch in unserer zeitweiligen Überforderung wahrgenommen werden. Wir waren allerdings auch etwas überrascht und wussten nicht so recht, was wir antworten sollten. Einige Tage später schrieben wir in unseren Tagesbericht, dass wir neu mit dem Thema `Herbst´ in der Gruppenarbeit starten würden. Bereits am nächsten Tag brachte eine der Mütter, die die Frage am Elternabend gestellt hatte einen Korb mit Kastanien und Eicheln mit. Am nächsten Tag brachte eine Familie einige Kilo selbstgeernteter Kartoffeln mit. Am Tag darauf brachte ein Mädchen einen kleinen Kürbis mit, den es mit seiner Mutter gepflückt hatte. Wir zeigten alle Dinge, die die Kinder mitbrachten im täglichen Stuhlkreis und dekorierten einen kleinen Tisch mit unseren `Herbst- und Ernteschätzen`. Aus den Kartoffeln stellten wir mit den Kindern Kartoffelchips her und das Rezept gaben wir an die Eltern weiter. In den Tagesberichten beschrieben wir, was wir mit dem Mitgebrachten gemacht haben. Jeden Tag kam etwas Neues hinzu:
- Äpfel und Feigen aus dem Garten, aus denen wir Marmelade herstellten.
- ein Rezept für Apfelbrot.
- mehr Kastanien, um Kastanienschlangen herzustellen.
- selbstgeerntete Gurken und Tomaten, die es zum Frühstück gab.
- besonders schöne Blätter und Zweige, um unseren Tisch zu dekorieren.
- Gläser, um Tischlaternen zu basteln.
Aus der eigentlich schwierigen Situation heraus ist ein Herbstprojekt entstanden, an dem Kinder, Erzieher und zum ersten Mal auch Eltern zu gleichen Teilen mitwirken und mitgestalten. Die Freude daran ist auf allen Seiten gleich groß und macht mich stolz auf das Engagement der Eltern und die Begeisterung der Kinder. Und es gibt uns die Motivation bei der Arbeit, jeden Tag über uns hinauszuwachsen. Dieses Projekt hätte man nicht so planen können, es ist einfach entstanden.

Verständnis und Wertschätzung
Ich wusste schon vor dem Verfassen dieses Beitrages, dass mir das Thema `Arbeiten mit Eltern in der Coronazeit´ besonders am Herzen liegt. Zum einen habe ich seit März 2020 - mit Beginn der Kitaschließungen - viel mehr über die Bedürfnisse der Familie nachgedacht als in den letzten 12 Jahren als Erzieherin. Ich habe nach Gesprächen mit Eltern noch oft überlegt, wie sie sich gerade fühlen, wenn sie ihr Kind nicht mehr in die Kita bringen dürfen oder wenn sie zu den Berufsgruppen gehören, die ihre Kinder in die Notbetreuung geben mussten, welche existenziellen oder persönlichen Ängste und Befürchtungen sie wegen der Pandemie haben, wie sich während einer Eingewöhnung fühlen usw. Die Worte, die meine Arbeit in den beiden letzten Monaten am häufigsten begleitet haben, sind `Wertschätzung´ und `Verständnis´. Gegenseitig aufgebrachtes Verständnis macht unsere Erziehungspartnerschaft erst fruchtbar und erfolgreich. Gegenseitige Wertschätzung macht meine Arbeit zu etwas Besonderem - zu etwas, in dem man sich wohl und gut aufgehoben fühlt. Und genau das ist es auch, was wir mit Hilfe unserer Arbeit den Eltern vermitteln möchten: Wir verstehen euch und eure Sorgen! Wir nehmen euch und euer Kind so wahr, wie ihr seid und schätzen euch wert. Ihr und euer Kind seid gut aufgehoben bei uns und wir wünschen uns, dass ihr euch bei uns wohl fühlt! Deshalb werden wir weiterhin – im kontinuierlichen Austausch mit den Eltern - daran arbeiten, unsere Arbeit immer weiterzuentwickeln, sodass wir den Bedürfnissen der Kindes und ihrer Familien gerecht werden können.

Links und weitere Informationen:
Hier finden sie die Kita am Wald in Castrop-Rauxel im Netz.


Themen: Berichte aus der Praxis, Kita am Wald e.V., Neues aus der Kita-Szene