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Kita Querbach in Kehl am Rhein – Montessori-Pädagogik in Zeiten von Corona

"Um ein Kind zu erziehen, braucht es ein ganzes Dorf" (Afrikanisches Sprichwort)

In Baden-Württemberg dürfen aktuell wieder 50 Prozent aller Kinder in die Notbetreuung. Das heißt - z.B. im Vergleich zu NRW, wo ab dem kommenden Montag (8.6.) wieder alle Kinder in die Betreuung kommen -, dass weiterhin die Hälfte aller Kinder zuhause betreut wird. Die Stadt Kehl kündigt dies auf Ihrer Website folgendermaßen an: „50 Prozent der Kita-Kinder im Stadtgebiet können wieder in ihre Betreuungseinrichtungen zurückkehren. Der städtische Fachbereich Bildung, Soziales und Kultur hatte die Notbetreuungsplätze nach der Ankündigung des Kultusministeriums schrittweise auf dieses Niveau erweitert…

…Zusätzlich zur bisherigen Notbetreuung ist dort nun ein eingeschränkter Regelbetrieb möglich.“ (Abruf Website Stadt Kehl vom 3.6.2020) - Susanne Oser, Leitung der städtischen Kita in Querbach, macht im Folgenden nachvollziehbar, wie sie und ihr Team die letzten Wochen angegangen sind, was ihnen aufgefallen ist und was auch mit Blick nach vorne wichtig ist.

Unsere Einrichtung
Unsere eingruppige Kindertageseinrichtung mit 22 Plätzen für Kinder ab dem zweiten Lebensjahr in Querbach steht in der Trägerschaft der Stadt Kehl am Rhein und arbeitet in Anlehnung an die pädagogischen Grundsätze der Montessori-Pädagogik mit dem Konzept der Offenen Arbeit. Das im Grünen gelegene Kleinod liegt ca. fünf Kilometer von Kehl am Rhein entfernt und ist  an das Gemeindehaus Querbach angeschlossen. Hier vernetzen sich Tradition und Moderne: Dörfliche Rituale, gelebte Partizipation von Kindesbeinen an bis hin zu aktiver Elternteilnahme in ihrer Rolle als Experten prägen ein übergreifendes Einrichtungsbild.

Unser Alltag
Nicht nur die Stadt am Rhein als deutsche Nachbarschaft zum 10 km gelegenen französischem Straßburg wird gesäumt vom Jardin des deux Rives (Dem Garten der zwei Ufer). Auch die Kinder sind Grenzgänger - innerlich wie äußerlich! Aktiv nehmen sie am Tagesablauf teil. Sie nehmen ihr Recht wahr, sich innerhalb Lerngemeinschaften zu versammeln zu zeitnah wichtigen, aber auch zeitlosen philosophischen Themen. Ein gemeinsamer Kreis wird nur einberufen, wenn für eine Person oder mehrere Personen wirklich Themen anstehen. Der Feststellung Montessoris folgend möchten wir die Kinder nicht aus Ihren Arbeiten herausreißen. Aus diesen Gründen gibt es bei uns keine Bring- und Abholzeit. In der verlängerten Öffnungszeit fließt also der Berufsverkehr zum Arbeitsplatz der Kinder im fast erholsamen Reißverschlussverfahren. Die Kinder nutzen so ihre Möglichkeit, ganz in Ruhe anzukommen oder mit ihren gewählten Bezugspersonen in Arbeits- und Interessensgruppen in Kontakt zu treten…

Corona
In dieser kinderfreien Zeit (Schließung der Kita wegen Covid 19) sahen wir uns nun der schwierigen Aufgabe gegenüber, auf „kurzer“ Distanz und konstant mit den Befindlichkeiten der Kinder mitzuschwingen sowie die aktuelle Thematik aufzuarbeiten. Im Officebereich fand sich die Möglichkeit, Briefe zu schreiben,  zu telefonieren oder durch Emailkontakt zu unterstützen. Keine Standardgeburtstagskarten, nein individuell verfasste Briefe, orientiert an den individuellen Belangen und Persönlichkeitsmerkmalen eines Jubilars wurden energiekostenfrei zu Fuß zugestellt; siehe hierzu: Auswahl von Beispielen zur Kontaktpflege zu den Kindern und Eltern). Die Kleingruppigkeit erlaubt es, ganz individuell mit den Familien Kontakt zu halten. Fast ausnahmslos ging jede Familie mit uns in Resonanz. Großes Verständnis über die notwendige Schließung wurde uns entgegengebracht. Bereitwillig brachten systemrelevante Betroffene ihre Kinder in den bereitgestellten großen  Einrichtungen unter. Die Familien sind aber auch so aufrichtig, uns zurück zu melden, dass die Kinder wahrlich unter den jäh abgerissenen Beziehungen leiden, zu ihren Freunden wie auch den Bezugserziehern.

„Freiheit und Bindung“ (Montessori) 
Ja, es ist eine bindungsrelevante Zeit, in der die Kinder nun auf ihre eigene Art und Weise die Zuwendung und den Schutz ihrer vertrauten Personen suchen. In diesen Situationen wird uns Fachkräften vor Augen geführt, wie wichtig der Faktor Mensch ist – gerade im Elementarbereich. "Freiheit und Bindung" nannte Frau Montessori diese Gradwanderung. Gleichzeitig ist gesunder Abstand angesagt…Vielleicht sollen wir, wie sie in ihren Ausführungen vorschlägt, bei Seite treten und die neue Lebenssituation aus „kurzer“ Distanz betrachten? Wie das KIND, welches sich uns dann offenbart - wie sie, die italienische Biologin, in ihrer blumigen Sprache damals versprach. Wie können wir, die „Hüter der zarten Kindheit“ – wie damals benannt - , die Kinder pflegen und gleichzeitig aber die Zumutung aller neuen Themen, die die Kinder in dieser nahen Zukunft betreffen, pädagogisch begleiten? Diese haben doch das Recht, sich Informationen zu beschaffen, die sie brauchen, und ihre eigene Meinung zu verbreiten!

Mit allen Sinnen

Im anliegenden Beispiel haben wir beschrieben, wie die Kinder – an der frischen Luft- und die Familien ihr Inneres im ganzen Dorf nach außen dar-stellen. Wie die Höhlenmenschen wohl ihre Krisen an die Wand (Straßen gab es ja noch keine) – so bringen Kinder ihre Sorgen und Wünsche an Schutt und Stein an. Es lässt ein Mitschwingen aller zu. Das ganze Dorf nimmt Anteil. An einer Plattform, die eindrucksvoll und urteilsfrei alle inneren Gefühlsbilder präsentiert und beschützt, bis der Wind dann doch den Kreidestaub verweht und das Regenwasser auch die letzte vielleicht doch unnötige Sorge weggespült hat… Nicht aber das weiterhin uneingeschränkte Recht des Kindes, sich in seinem ganzen Gewahrsam künstlerisch ohne Schablone und Überfrachtung zu betätigen – fernab der gerade so beanspruchten Virtualität. So wissen wir „Bildung muss unter die Haut gehen“ (Zitat Gerald Hüther) – aber nur wenn wir sie mit allen Sinnen erleben! Gärtnern oder Malen an der frischen Luft mit  Ackererde an den Stiefeln und einem selbst gezogenen Blumenstrauß in den Händen – dies wünschen wir uns und den Anderen. Und das „Jeder auf Jeden“ aufpasst, wie „unsere“ Kinder manchmal sagen…

Links und weitere Informationen:
Hier fiinden Sie die Kita Querbach im Netz. Der Kontakt  von pragma gmbh ist 2014 über die gemeinsame Qualitäts-entwicklung für für die städtischen Kitas in Kehl entstanden. 


Themen: Neues aus der Kita-Szene, Berichte aus der Praxis