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„In zwei Wochen müssen wir wieder arbeiten, bis dahin muss unser Kind eingewöhnt sein.“ Eingewöhnung: Einflussfaktoren und qualitative Ziele und Bewertbarkeit

Gastbeitrag Michael Melis

Jährlich im August werden neue Kinder in Kindertagesstätten aufgenommen. Jedes Kind hat, bevor es in die Kindertagesstätte aufgenommen wird, bereits eine eigene Individualität und Biografie. Jedes Kind hat bereits eigene Charakterzüge, Stärken und Schwächen, Erlebnisse gesammelt, Interessen, Vorlieben und Abneigungen. Die Kinder unterscheiden sich ebenso wie der familiäre Hintergrund und die Gegebenheiten vor Ort in der Kindertagesstätte. Kinder, Eltern und Erzieher/Erzieherinnen blicken auf die Eingewöhnung. Wie wird unser Kind aufgenommen? Wird es sich wohl fühlen? Vor allem Eltern, die bislang noch keine Kinder in Kindertagesstätten hatten, schauen auf die kommende Zeit. Daraus ergebend verknüpfen Eltern und auch Erzieher/Erzieherinnen immer eine bestimmte Erwartungshaltung an die Eingewöhnung von Kindern in Kindertageseinrichtungen.

Situation und Individualität wahrnehmen
In die Kindertagesstätten kommen können einjährige Kinder, zweijährige Kinder, dreijährige Kinder oder auch ältere Kinder. Ebenso sind die Gruppenformen heutzutage sehr vielfältig. So kann ein zweijähriges Kind in eine Gruppe mit Gruppentyp 0-3 Jahre, 2-4 Jahre, 2 – 5 Jahre oder 2-6 Jahre aufgenommen werden. Folglich sind die Gruppen je nach Personalsituation sehr unterschiedlich besetzt, die Altersmischungen unterscheiden sich und die Gruppengröße. In der Größe variieren auch die Kindertagesstätten selbst. So waren zweigruppige Kindertagesstätten früher nicht so selten, so gibt es heute oftmals vier- bis sechsgruppige Kindertagesstätten bis hin zu Kindertagesstäten mit acht oder zehn Gruppen. Diese grundsätzlichen Voraussetzungen sind sehr vielfältig. Ebenso sind in der heutigen Gesellschaft die familiären Situationen sehr divers. Es gibt Familien, in denen beide Elternteile berufstätig sind, es gibt Alleinerziehende, Familien, bei denen die Großeltern die Eingewöhnung noch begleiten könnten und Eltern mit Migrationshintergrund können teilweise nur bedingt sprachlich folgen. Daraus ergeben sich heutzutage auch andere Bedürfnisse der Eltern als früher. Kinder in der heutigen Zeit haben schon öfter Vorerfahrungen wie bei Spielgruppen oder Tagesmüttern. Daraus ergebend haben Kinder heute auch andere Bindungen zu ihrer Umwelt als Kinder früher.

Teilnehmer/innen der Eingewöhnung
An dem Prozess der Eingewöhnung nehmen – in unterschiedlichen Distanzen und Positionen – mehrere Akteure teil. Im Zentrum steht das Kind. Vordergründig wird es meistens von einer Bezugsfachkraft und – nach Möglichkeit – von dem gleichen familiären Mitglied begleitet. Zusätzlich haben weitere Personen Einfluss auf die Eingewöhnung: Weitere pädagogische Fachkräfte, weitere familiäre Mitglieder, die die Eingewöhnung tagesweise begleiten, andere Kinder oder auch die Leitung der Kindertagesstätte.
Sowohl das Kind selbst als auch die Umwelt des Kindes nehmen viele Eindrücke in der Zeit der Eingewöhnung wahr. Wirken beispielsweise die ersten Tage der Eingewöhnung des Kindes auf die begleitende Mutter noch sehr schwierig, so kann der begleitende Vater in der zweiten Woche für sich ein ganz anderes Bild gewonnen haben. Die Gründe können vielfältig sein: Das Kind zeigt in diesen zwei Wochen bereits eine Entwicklung, das Kind verhält sich gegenüber den Elternteilen unterschiedlich, die Gruppe des Kindes war personell unterschiedlich besetzt, womöglich waren in der ersten Woche Kinder anwesend, die nun nicht mehr anwesend waren oder umgekehrt, es fanden in der zweiten Woche Aktivitäten in der Gruppe statt, die in der ersten Woche nicht stattfanden.
Die Eindrücke, die auf Kinder wirken im Kindergarten, sind sehr vielfältig. Ebenso sind die Eindrücke der Erwachsenen subjektiv. So kann ein einzugewöhnendes Kind sich den ganzen Vormittag aktiv und fröhlich in der Gruppe gezeigt haben, so kann es sich aber sehr zurückhaltend zeigen, wenn die Gruppe gemeinsam in den Garten geht um zu spielen. Treffen sich im Garten mehrere oder gar alle Gruppen einer Kindertagesstätte, so kann ein einzugewöhnendes Kind auf eine Vielzahl von völlig unbekannten Kindern und Erwachsenen treffen. So kann es vorkommen, dass das Kind draußen die Nähe seiner Fachkräfte noch stärker benötigt als drinnen. „Das Kind weicht dir ja nicht von der Seite.“ könnten Kollegen/Kolleginnen aus anderen Gruppen äußern und fehlerhafterweise schlussfolgern, es fühle sich noch nicht so wohl. Angeknüpft an dieses Beispiel mag man sich einmal vorstellen, wie es für ein Kind sein würde, wenn draußen fünf oder mehr Gruppen aufeinandertreffen, mit all den Kindern und Erwachsenen. 

Warum Austausch zwischen Eltern und Fachkräften so wichtig ist
Diese Momentaufnahmen und subjektiven Eindrücke erfordern daher einen ständigen Austausch und eine differenzierte und bedachte Gesamtbeobachtung. Vorschnelle Äußerungen und Beurteilungen sind oftmals nicht hilfreich. Wenn ein Kind anfängt zu weinen, wenn es von Mutter oder Vater abgeholt wird, könnten es mehrere Gründe haben: Das Kind würde noch gerne spielen und in der Kindertagesstätte bleiben, beim Kind fallen einfach Anspannungen ab, das Kind fühlt sich selbst stolz, die Trennung geschafft zu haben oder für das Kind war die Trennung tatsächlich noch schwierig. Gemeinsame Absprachen von Fachkräften und Begleitern wie und wann Trennungen der Begleiter anzugehen sind, sind von großer Wichtigkeit. Doch wie sollte die Eingewöhnung nun zeitlich erfolgen? Erwartungshaltungen und zeitliche Vorgaben bauen folglich immer einen gewissen Druck auf.  Wenn Kinder – länger als erwartet – Zeit für die Eingewöhnung benötigen, fallen teilweise von Eltern Sätze wie „Wir können ja nicht noch in drei Monaten hier sitzen“ oder seitens der pädagogischen Fachkräfte „Wir müssen uns ja noch um andere Kinder kümmern“.
Nun gibt es einige zeitbezogene Eingewöhnungsmodelle. Vergegenwärtigt man sich aber wie divers die Grundvoraussetzungen für eine Eingewöhnung eines Kindes sein können wie oben genannt, dann ist es fraglich, ob man zeitliche Vorgaben für das Kind, die Pädagogen oder die Eltern benennen und definieren kann. Konzepte, die zeitliche Soll-Ist-Vorgaben enthalten, sind nach aufgeführten Beispielen fragwürdig, da es sich immer in jeder Eingewöhnung um eine individuelle Situation, individuelles Kind, individuelle Eltern, individuelle Beziehungen und eine individuelle Umwelt handelt. Wie also kann man als Pädagoge die Eingewöhnung qualitativ gestalten, dokumentieren und reflektieren? Indem man unabhängig von dem Verlauf reflektiert, ob man die eigenen vorgenommen Kernpunkte eingehalten hat, das eigene Vorhaben damit vergegenwärtigt. Hat man z. B. die Eltern vorab informiert über die Eingewöhnung, fand eine Elternveranstaltung statt, fand ein Vorabgespräch samt Anamnesebogen statt, gab es einen Austausch mit Eltern über den zeitlichen Ablauf, kann das Kind die Bezugsfachkraft wechseln, wird die Eingewöhnung dokumentiert und wird das Eingewöhnungskonzept reflektiert und andauernd weiterentwickelt? Mit Hilfe dieser Qualitätskriterien analysiert man die eigene Umsetzung des Geplanten.

Professionalität wahren
Denn ein Kind kann sich auch aus falschen Gründen wohl oder unwohl in der Kindertagestätte fühlen. Eine pädagogische Fachkraft hat immer ein eigenes Repertoire wie man die Eingewöhnung und den Bindungsaufbau gestaltet. Dieses Repertoire ist aber auch immer begrenzt. Wenn eine Fachkraft sich so intensiv um ein neues Kind bemühen muss, dass dauerhaft zu viele andere Kinder zu wenig Aufmerksamkeit erhalten oder wenn ein einzugewöhnendes Kind nur mittels Süßigkeiten oder durch Zeichentrick-Sendungen beruhigt und ihm nur dadurch ein wohliges Gefühl gegeben werden kann, dann ist das nicht Sinn und Zweck und entspreche auch nicht professionellem Handeln. Eine Eingewöhnung sollte angemessen und individuell ablaufen. Im Sinne der Reflektion und Dokumentation des Qualitätsmanagements sollte daher das eigene Handeln absolut gesehen und analysiert werden. Somit steckt man einen Rahmen ab, indem eine individuelle Eingewöhnung ablaufen kann, ohne eine theoretisches Eingewöhnungsmodell nach zeitlicher Vorgabe 1:1 auf eine Eingewöhnung übertragen zu müssen.

Weitere Infos
Abbildungen 1 – 3: Michael Melis
Autor: Michael Melis konnte als Erzieher langjährige und vielfältige Erfahrungen im Bereich Kindergarten sammeln und dadurch Unterschiede der Träger, der Ausstattungen, der pädagogischen Teams, pädagogischen Konzepte und Sozialräume erleben. Neben diesen Erfahrungen aus der Praxis lernt er durch das Studium „Management von Non Profit Organisationen“ die betriebswirtschaftlichen Aspekte sozialer Dienstleistungen kennen und erforscht mit der Bachelorarbeit die Frage nach Qualität in den Kindertagesstätten. 


Themen: Michael Melis, Qualität in Kitas