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Die Hiltruper Strolche: Interessensgegensätze, Wiedereinstieg in die Normalität und einige grundsätzliche Anmerkungen

2. Blogeintrag

Dies ist der zweite Blogeintrag der Hiltruper Strolche, eine dreigruppige Elterninitiative aus Münster mit 55 Plätzen für Kinder von 1 Jahr bis zur Einschulung. Die Leitung Kirsten Bücker-Enking lässt uns wieder an ihren Überlegungen zum Umgang mit der Coronakrise in ihrer Kita und vor allem zum Wiedereinstieg in die eingeschränkte Regelbetreuung teilhaben. Sie spricht Konflikte und unterschiedliche Interessen von Eltern und Teammitgliedern an. Und Sie hebt uns Bewusstsein, dass mögliche Personalengpässe in den nächsten Wochen ursächlich der Tatsache geschuldet sind, dass die Politik zwar seit Jahren von der nötigen Qualität in im Elementarbereich spricht, aber es nicht hinkriegt die Voraussetzung dafür, nämlich angemessene Personalschlüssel verbindlich zu machen

Ein kurzer Rückblick
Nachdem uns die Kitaschließung uns im März kalt erwischt hatte und wir, das Team und ich, uns erst einmal orientieren mussten, ist wirklich viel passiert. Wir haben positive Erfahrungen gemacht, über die ich bereits berichtet (Blog vom 24.4.) habe. Wir hatten die Möglichkeit, Kinder aus einem neuen Blickwinkel zu sehen, weil der Alltag nicht mehr von Unruhe, Lautstärke und Hektik oder wahlweise Stress geprägt war. Kolleginnen haben im Home Office Konzepte erstellt, die uns schon lange durch ihr Nichtvorhandensein Bauchschmerzen gemacht haben. Andere Kolleginnen haben insgesamt drei Matschküchen gebaut! Auf die sind wir wahnsinnig stolz, weil sie so toll geworden sind und unseren Garten so bereichern. Zum Glück war (und ist) nur eine Kollegin der Risikogruppe zugeordnet und hat von zuhause aus Aufgaben erledigt. Der Kontakt zu den Familien, den Kindern und Eltern, die nicht von der Notbetreuung profitieren konnten oder wollten, verlief regelmäßig und in unseren Augen- gut. Ganz viele Familien kamen offensichtlich gut über die Runden, konnten der Zeit mit ihren Kindern viel Positives abgewinnen und freuten sich über Post aus der Kita.

Wut über Ungerechtigkeit
Jedoch nicht alle! Und genau das holte uns auf den Boden der Tatsachen zurück und raus aus der neuen "Kitablase", die ja mittlerweile durch die Notbetreuung entstanden war und in der wir es uns gezwungenermaßen ganz passabel eingerichtet hatten. Es gab eine Familie, die wütend war auf die ganze Situation; darauf, auf absehbare Zeit zu keinem Anspruch auf Notbetreuung zu kommen, obwohl beide Elternteile berufstätig sind und die Familie mit einem Kita- und drei Schulkindern wirklich mehr als ausgelastet war. Die Familie wollte keine Nachrichten aus der Kita bekommen, weil das ihre Wut nur noch vergrößerte. Hier zeigte sich die Ungerechtigkeit, zu der dieses Auswahlverfahren nach Berufen geführt hat. Ich weiß nicht, ob unsere Kita da repräsentativ ist, aber die meisten (75%) hatten nach der ersten Erweiterung der Berufe und der Hinzunahme der Alleinerziehenden einen Anspruch auf eine Notbetreuung. Die wenigen anderen mussten mit ihrem Schicksal klar kommen, die Wut bekamen wir zu spüren.

Notbetreuung hochgefahren
Nach Ostern stieg die Anzahl der Kinder in der Notbetreuung kontinuierlich an und schon seit einigen Wochen befinden wir uns bei einer Auslastung von 50-60 Prozent. Nach dem, was wir durch Berichte in den privaten und auch sozialen Netzwerken erfahren, liegen wir damit über dem Durchschnitt. Da der Respekt vor dem Virus groß ist, mussten wir uns auch erst einmal an diese Situation herantasten. Jetzt, da - zugegebenermaßen schneller als erwartet - die Kitaöffnung am 8.6. bevorsteht, sind wir jedoch froh, dass wir so schnell wieder mit so vielen Kindern am Start waren. So konnten wir alle, das komplette Team und die Kinder aus der Notbetreuung, die neuen Abläufe verinnerlichen, die nicht unerheblich in den organisatorischen und pädagogischen Alltag eingreifen. Es ist faszinierend zu beobachten, wie schnell die Kinder das Händewaschen, die neuen Regeln beim Bringen und die Dreiteilung des Kitagartens akzeptiert haben und ganz selbstverständlich umsetzen. Wir alle haben schon eine Routine entwickelt, die wir jetzt ganz unaufgeregt an die Eltern und Kinder, die jetzt zu uns stoßen werden, weitergeben können. Wir sind sehr gespannt auf den kommenden Montag und freuen uns, wieder ein Stück mehr Normalität zu erlangen. Wenn auch unter großen organisatorischen Herausforderungen und mit viel Disziplin-von unserer Seite, aber vor allem auch von Seiten der Eltern, die mit den Stundenkürzungen jonglieren müssen.

Team komplett
Auch unsere Kollegin aus der sogenannten Risikogruppe ist wieder zu uns gestoßen. Sie übernimmt, wann immer möglich, die Aufsicht im Garten und erledigt ansonsten Aufgaben im Haus, wenn gerade alle Kinder draußen sind. Ein gelungener Kompromiss, um allen Seiten gerecht zu werden, und der auf allen Seiten Wiedersehensfreude ausgelöst hat. Wir sind also erst einmal frohen Mutes und fühlen uns gewappnet. Unser Team ist (fast) vollständig und wird ab nächster Woche sogar um eine Integrationskraft erweitert.

Eltern- versus Teaminteressen
Unser Vorstand hat ein klares Wort gesprochen und möchte, dass die Schließzeit im Sommer beibehalten wird. Das ist ein ganz wertschätzendes Signal in Richtung Kitateam, auch wenn alle wissen, dass möglicherweise wieder Eltern vor einer schwierigen Zeit stehen, die sie überbrücken müssen, weil beispielweise Urlaubsansprüche schon genommen werden  mussten, um die Betreuung zuhause hinzukriegen. Aber auch die Kräfte des Teams müssen bewahrt werden- und der Urlaub kann nicht ewig geschoben werden. 

Konjunkturprogramm, Personalengpässe, Fachkräftemangel
Ganz aktuell ist heute mit dem Konjunkturprogramm beschlossen worden, 1 Milliarde Euro in den Aus- und Umbau von Kitas zu investieren (siehe Punkt 27. des Konjunkturapakets auf Seite 6). Das hört sich erst einmal toll an. Aber es bleibt nun, genauer hinzuschauen, in welche Kanäle das Geld denn fließt. Denn ohne zusätzliche und ausreichende Fachkräfte ist keine neue Kita zu führen. Der zugegebenermaßen dringend notwendige Umbau veralteter Kitas auf einen neueren Standard bringt auch nichts, wenn die Qualität der Arbeit mit den Kindern wegen der immer noch viel zu knappen Personalschlüssel und des sich ausweitendenden Fachkräftemangels leidet. Eigentlich hatte ich gehofft, dass genau dieses Problem jetzt unter dem "Corona-Brennglas" endlich für die Politik hinreichend deutlich geworden ist. Nicht ohne Grund sind die Kitas aktuell lediglich in der Lage, die Kinder nur eingeschränkt zu betreuen.

Bastelset: Schutzmasken und Wertschätzung
Welche Bedeutung die Kitafachkräfte für die Politik wirklich haben und wie sie (nur bedingt) wertgeschätzt werden, zeigt sich in den Schutzmasken, die uns vom Ministerium zur Verfügung gestellt werden. Diese sind jetzt in Münster angekommen. Bei den OP-Masken handelt es sich um Bastelsets. Jede Maske muss aus drei Teilen zusammengesetzt werden, geschätzter Zeitaufwand laut Dachverband pro Maske 5 Minuten. Unsere Kita bekommt 200 solcher Masken. Die Kitas, die gerade im Fokus stehen, weil immer noch nicht klar ist, wie sich die Öffnung auf mögliche Infektionswellen auswirkt, werden mit Bastelsets abgespeist.

Links und weitere Informationen
Hier finden Sie die Hiltruper Strolche im Netz. Der Kontakt  von pragma gmbh ist 2014 über die von Eltern helfen Eltern e.V. initiierte gemeinsame Qualitätsentwicklung für Elterninitiativen in Münster und Umgebung entstanden. Hintergrundinformationen zur Kita-Qualität und angemessenen Personalschlüsseln finden Sie iin unsrem Blog vom 3. Juni 2018: Ein finanzieller Masterplan für die Elementarbildung.

 


Themen: Neues aus der Kita-Szene, Berichte aus der Praxis